Mit 30 nochmal studieren?

Am 18.05.2017 startete an der hiesigen Uni der Bewerbungszeitraum für das Wintersemester 2017/2018 und noch am selben Tag schickte ich meine Online-Bewerbung ab und suchte alle Unterlagen, die ich per Post an die Uni schicken muss, zusammen. Nach langem Hin und Her habe ich mich entschieden ab Herbst nochmal studieren zu gehen, ich werde dann 30 Jahre alt sein.

Mit 30 nochmal studieren? Warum?

Für den ein oder anderen mag das vielleicht ein wenig verrückt klingen, denn laut spiegel.de ist ein Studienbeginner im Durchschnitt 21 Jahre alt und nur 3,5 % der „Erstis“ sind über 30 Jahre alt. Ich muss also der harten Realität ins Auge sehen, dass ich nun zu „den Alten“ gehöre und der Großteil meiner Kommilitonen 10 Jahre jünger als ich sein wird. Ein seltsames Gefühl, denn ich fühle mich noch absolut nicht so alt. Der Grund, warum ich mir das „antue“, was für viele meines Alters nicht gerade verlockend klingt, ist aber ganz einfach: Weil ich keinen Berufsabschluss habe. Ja. Tatsache. Zwar habe ich schonmal (an einer niederländischen Hochschule) studiert, das Studium dann aber vorzeitig abgebrochen und somit keinen Abschluss bekommen. Die Gründe dafür sind komplex, manches ist auf äußere Faktoren zurückzuführen, manches Mal habe auch ich im Vorfeld falsche Entscheidungen getroffen. Am Ende jedenfalls war mein Studium mit unserer damaligen Familiensituation nicht (mehr) vereinbar und ich habe mich damals für meine Familie entschieden. Es gab und gibt viele Tage, an denen ich einige der damaligen Entscheidungen bereue, denke, dass ich egoistischer hätte sein können/sollen/müssen, aber im Grunde weiß ich, dass ich mich immer wieder für meine Familie entscheiden würde, egal wie sehr ich manchmal damit hadere. Trotzdem würde ich natürlich rückblickend vieles anders machen und versuchen, gar nicht erst in eine Situation zu kommen, in der ich mich für eines von beidem entscheiden muss. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Die Situation ist jetzt nun einmal wie sie ist. Ende August startet die Kita-Eingewöhnung meines jüngsten Kindes (für sie und ihren Bruder haben wir einen 45-Stunden-Platz ergattern können), unsere  große Tochter geht ab dem Sommer in die Ganztagsschule, mein Mann arbeitet von zu Hause aus, wir haben ein viel besseres soziales Netz als damals – das alles gibt mir die Möglichkeit, mein Leben nochmal ganz neu zu gestalten. Das ganze letzte Jahr über habe ich viel überlegt, wie ich es überhaupt gestalten möchte, habe Pläne geschmiedet und wieder verworfen, habe tief in mich hineingehorcht, um herauszufinden, was ich wirklich will. Herausgekommen ist dieses Studium, für das ich mich nun beworben habe, und mit über 20 Wartesemestern habe ich den Platz wohl auch so gut wie sicher.

Wieso ein Studium? Wieso keine Ausbildung oder einfach ohne Abschluss einen Job suchen?

Natürlich habe ich all diese Optionen gedanklich intensiv durchgespielt. Keinen Berufsabschluss nachzuholen, sondern einfach draufloszujobben war für mich dabei am wenigsten eine Option. Denn ich bin zwar SCHON 30, aber eben auch ERST 30 – jenachdem, aus welchem Blickwinkel man das betrachtet. 30 zu sein bedeutet heutzutage, dass man noch 37 Jahre bis zum regulären Renteneintrittsalter vor sich hat! Das heißt, wenn man seine Ausbildung bzw sein Studium beendet, hat man noch knapp doppelt so viele Jahre zum Arbeiten wie man bis dato gelebt hat. Und da soll es sich nicht mehr lohnen, einen Beruf zu erlernen? Manchmal ist unsere Gesellschaft wirklich schräg. Zudem möchte ich meinen Kindern gerne ein Vorbild sein und ihnen verdeutlichen, dass es nie zu spät ist, um für seine Träume zu kämpfen. Es kann bzw wird im Leben immer Situationen geben, in denen man scheitert, aber dadurch sollte man sich niemals entmutigen lassen und aufgeben. Und deswegen werde auch ich das nicht tun. Ich möchte gerne einen Berufsabschluss haben, also packe ich es an.

Über die Frage, ob ich nochmal studiere oder lieber eine Ausbildung mache, habe ich lange gegrübelt und anfangs habe ich tatsächlich mehr zur Ausbildung tendiert. Die Vorstellung, direkt Geld zu verdienen war einfach verlockend und auch die Tatsache, dass eine Ausbildung im Durchschnitt kürzer dauert als ein Studium, man also schneller seinen Abschluss hat. Aber das waren alles nur Vernunftsgründe, die für eine Ausbildung sprachen. Wir haben den Luxus, dass wir nicht darauf angewiesen sind, dass ich „schnelles Geld“ verdiene, ansonsten sähe meine Entscheidung sicherlich ganz anders aus, aber so kann ich mir tatsächlich erlauben, das zu machen, was ich gut kann UND meinen Interessen entspricht und das ist eben dieses Studium.

Kann ein „spätes“ Studium auch Vorteile haben?

Ich glaube ja. Zum Beispiel:

  1. Die Familienplanung ist schon abgeschlossen, man kann sich nun voll auf das Studium und sein späteres Berufsleben konzentrieren, ohne nochmal pausieren zu müssen.
  2. Man hat mehr Lebenserfahrung, ist selbstbewusster und weiß besser was man will und kann (ich zumindest!).
  3. Wer sich in „höherem“ Alter nochmal für ein Studium entscheidet, tut dies in der Regel deutlich bewusster und wohlüberlegter als frische Abiturienten, was sich meiner Meinung nach auch auf das Lernverhalten auswirkt.
  4. Potenziellen Arbeitgebern signalisiert man damit, dass man Mut hat und nicht aufgibt.

Welche Nachteile hat ein Studium über 30?

  1. Ganz klar die Finanzen! In den meisten Fällen hat man keinen Anspruch mehr auf Bafög – ich auch nicht, da ich schonmal ein „förderungsfähiges“ Studium gemacht habe. Dass ich nie auch nur einen einzigen Cent Bafög bezogen habe interessiert dabei nicht, sondern nur die Tatsache, dass ich theoretisch Anspruch hatte. Auch diverse Studententarife und Vergünstigungen, z.B. für Krankenversicherung und GEZ, haben meistens eine Altersgrenze, die man mit 30 bereits überschritten hat. Entspricht nicht meinem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden, aber nun gut, wir sind wie gesagt auch nicht drauf angewiesen, wir leben schon länger nur mit einem Einkommen und kommen damit gut klar.
  2. Wie anfangs schon geschrieben, werden die allermeisten Kommilitonen wohl deutlich jünger sein als man selbst. Möglicherweise findet man also schlechter Anschluss, zumal man durch seine Verpflichtungen zu Hause (Ehemann, Kinder, Haus, Garten, etc) wohl auch weniger an Kneipentouren und sonstigem typischem Studenten-Party-Kram teilnehmen wird.
  3. Die meisten Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt sind entweder a) 10 Jahre jünger oder haben b) bereits 10 Jahre mehr Berufserfahrung. Aber hey, aufgeben ist keine Option!

Für welchen Studiengang habe ich mich denn nun eigentlich beworben?

Auf meiner Liste standen vier Studiengänge bzw Kombinationen, über die ich ernsthaft nachgedacht hatte. Und zwar:

  • Soziale Arbeit
  • Psychologie
  • Erziehungswissenschaften und Spanisch
  • Erziehungswissenschaften und Germanistik

Soziale Arbeit wäre das gewesen, was meinem vorherigen Studium der Sozialpädagogik am ehesten entspricht, aber irgendwie kam es mir sinnlos vor, quasi das gleiche Studium nochmal von vorne zu studieren, denn wieviel mir die Hochschule von meinen bereits erbrachten Leistungen anrechnen würde, konnte mir keiner so genau sagen. Wenn überhaupt, dann jedenfalls nicht wirklich viel. Zudem habe ich ja an einer niederländischen Hochschule studiert, wo es keine Noten gab, sondern nur „bestanden“ oder „nicht bestanden“. Wären mir Leistungen angerechnet worden, dann alle mit der schlechtmöglichsten Note von 4,0, da es ja keinen Beweis gibt, dass ich besser war. Alles in allem keine verlockende Vorstellung für mich.

Psychologie war früher immer mein Traumstudium, allerdings waren meine Noten dafür einfach zu schlecht, denn Psychologie ist als Studienfach derart beliebt, dass man da einen guten 1er-Schnitt braucht, um direkt einen Studienplatz zu bekommen. Aufgrund meiner vielen Wartesemester hätte ich jetzt die ultimative Chance meinen Traum zu verwirklichen, denn in allen dokumentierten Jahren wurden alle Bewerber mit mehr als 15 Wartesemestern zugelassen und ich habe 22. Ich muss gestehen, dass das für mich eine wirklich verlockende Vorstellung war. Aber: Psychologie war _früher_ mein Traum. Früher, als ich noch zu den Menschen gehörte, die völlig falsche Vorstellungen davon haben, was dieses Studium beinhaltet. Heute, wo ich das besser weiß, lockt mich dieses Studium gar nicht mehr so sehr.

Die Möglichkeit Erziehungswissenschaften zu studieren und mit einem sprachlichen Fach zu kombinieren war dagegen genau das, was ich mir vorgestellt hatte und was wirklich zu mir passt, weil diese Kombination genau die Brücke schlägt zwischen dem, was ich vorher gemacht habe und mich nach wie vor sehr interessiert und dem Bereich Sprache, der mich ebenfalls schon mein ganzes Leben lang begeistert und wofür mir immer wieder Talent nachgesagt wird. Blieb nur die Frage, ob Germanistik oder eine Fremdsprache? Spanisch wäre dabei die Fremdsprache meiner Wahl gewesen, aber Germanistik ließ mein Herz höher schlagen. Ja, ich kenne die Witze über Taxi fahrende Germanisten 😉 Und nein, ich lasse mich davon nicht abschrecken. Ja, vielleicht werde ich fallen. Vielleicht werde ich aber auch fliegen.

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