Vögel füttern – nur im Winter oder ganzjährig?

Früher dachte ich immer, dass man Wildvögel maximal im Winter, wenn der Boden gefroren ist und eine feste Schneedecke liegt, füttern soll. In der letzten Zeit wurden aber die Stimmen, die sich für eine Ganzjahresfütterung aussprechen, um mich herum immer lauter, sodass ich anfing mich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Gleich vorweg: Es ist ein streitbares Thema, selbst die Experten sind sich uneinig und ich selbst bin mir auch noch nicht hundertprozentig sicher, welche Argumente für mich schwerer wiegen und wie ich es in meinem eigenen Garten handhaben möchte.

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Was sagen die Befürworter ganzjähriger Vogelfütterung?

Der bekannte Ornithologe Peter Berthold sieht es als unsere moralische Verpflichtung an Vögel zu füttern. Durch die immer ordentlicher gewordenen Gärten und den deutlich höheren Einsatz von Pestiziden, Herbiziden und Fungiziden in der Landwirtschaft ist das Nahrungsangebot für Vögel, sowohl in Form von Insekten als auch von Körnern und Samen, über die Jahre deutlich zurückgegangen. Das Anbieten von Vogelfutter sieht er daher als eine Art Wiedergutmachung an – wir geben den Vögeln etwas zurück, was wir ihnen an anderer Stelle genommen haben.

Außerdem soll sich das Füttern von Vögeln zur Brutzeit positiv auf die Menge der gelegten Eier und die Überlebenschance der Küken auswirken. Die Elternvögel müssen weniger Energie in die Futtersuche für sich selbst investieren und haben so mehr Zeit und Kraft um Futter für ihre Jungtiere zu suchen.

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Welche Argumente haben die Gegner der Ganzjahresfütterung?

Laut NABU profitieren von einer Vogelfütterung hauptsächlich eh schon häufige Vogelarten wie Meisen und Amseln, die in ihrem Bestand nicht gefährdet sind. Für den Artenschutz hat die Fütterung von Vögeln also keinerlei Relevanz. Im Gegenteil würden sich durch unsaubere Vogelhäuschen sogar schneller Krankheiten verbreiten und nicht zuletzt locke das Vogelfutter auch unbeliebtere Tiere wie Elstern und Krähen oder Ratten an.

Zudem wirft der NABU die sehr interessante Frage in den Raum, welche Natur wir eigentlich wollen. Eine sich selbst überlassene, in der natürliche Auslese dazugehört? Oder eine, die eher einem Zoo gleicht? Statt dem ganzjährigen Füttern der Vögel empfiehlt der NABU, sich mehr für ökologische Landwirtschaft einzusetzen und seinen Garten naturnah und insektenfreundlich anzulegen, mit vielen Nistmöglichkeiten für Vögel.

Ein Argument gegen das Füttern zur Brutzeit ist außerdem, dass Küken Insektenfutter und keine Körner brauchen um überleben zu können und sogar an Körnerfutter ersticken können. In diesem Punkt sind sich Ornithologe Peter Berthold und der NABU allerdings einig: für diese These gibt es keine Beweise. Beobachtungen zufolge füttern Elterntiere ihren Küken nur in absoluten Ausnahmefällen Körner – nämlich dann, wenn sie partout nichts anderes finden können und die Jungtiere zu verhungern drohen.

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Und meine persönliche Meinung?

Ich muss tatsächlich sagen, dass es in meiner Kindheit hier viel mehr Vögel gab als jetzt. Da ich genau in diesem Haus aufgewachsen bin, wo wir jetzt auch wieder wohnen, habe ich da den perfekten Vergleich. Und wir wohnen schon relativ ländlich, in einem Dorf mit weniger als 2000 Einwohnern, mehreren Bauernhöfen, Feldern auf der einen und Wald auf der anderen Seite. Eigentlich, so dachte ich immer, würden Vögel hier schon genug zu fressen finden, zumal unser Garten hier weit entfernt von ordentlich ist. Aber, wenn das so wäre, müssten dann nicht ähnlich viele Vögel in unserem Garten umherfliegen und brüten wie früher? Dies ist aber definitiv nicht der Fall.

Gerade über die oben beschriebene Frage vom NABU musste ich lange nachdenken. Meine erste spontane Antwort war, dass wir natürlich keine künstliche Natur wollen, in der es zugeht wie im Zoo. Aber: Ist es wirklich so unnatürlich, dass Vögel permanent Futter zur Verfügung haben? Ist das nicht vielmehr erst eine Entwicklung der letzten Jahre, in denen Insekten und Wildkräuter deutlich seltener geworden sind?

Vorerst sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir gerne Vögel in unserem Garten füttern wollen. Seit Januar haben wir Futter hängen und werden es auch den Sommer über so beibehalten. Wie ich bereits am Anfang schon schrieb, hundertprozentig überzeugt bin ich noch nicht, aber im Moment fühlt es sich für uns erstmal richtiger an. Zu allen genannten Argumenten finde ich es für die Kinder einfach schön, dass sie so eine gute Möglichkeit zur Vogelbeobachtung haben, denn ich bin der festen Überzeugung, dass man nur schützen kann, was man kennt.

Falls jemand noch weitere Argumente pro oder contra Ganzjahresfütterung kennt – lasst es mich gerne wissen!

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